DIE SAMEN - DIE INDIANER DES NORDENS?

Karte

Geschichte
Erwerbszweige
Sprache
Gesellschaft
Kultur
Religion
Die Samen in Finnland


Die Photo Gallerie

Die Samen sind die einzige Urbevölkerung in der Nordkalotte. In Finnland wohnen etwa 6.000 Samen. Zu dem Samengebiet gehören die Gemeinden Inari, Utsjoki und Enontekiö und die Rentierweidegemeinschaft von Lappland im nördlichen Teil der Gemeinde Sodankylä. Das Samengebiet umfaßt 35.000 qkm , was ungefähr der Größe des Bundeslandes Baden-Württemberg entspricht. In Norwegen (40.000), Schweden (20.000) und Russland (2.000) wohnen insgesamt etwa 70.000 Samen.

In Finnland wird ein Mensch offiziell als Same bestimmt, wenn mindestens einer seiner Eltern oder Großeltern Samisch als Muttersprache gesprochen hat oder wenn er Rechte an den alten Lappendörfen besitzt. In diesem Text wird auch teilweise das Wort „Lappen" als Synonym zu „Samen" verwendet. So wurden die Vorväter der Samen in alten Registern genannt. In Finnland sind die Samen in drei verschiedene Gruppen aufgeteilt: Nord-, Inari- und Skoltsamen. Die Skoltsamen sind erst nach dem Zweiten Weltkrieg aus Russland nach Finnland eingewandert. Heutzutage besteht ein Drittel der gesamten Einwohnerzahl des Samengebiets aus Samen. Noch vor dem zweiten Weltkrieg bestand über die Hälfte aus Samen. In den letzten Jahren sind auch die Erwerbszweige und die Sozial- und Wohnverhältnisse denen der Mehrheitsbevölkerung näher gekommen.

Die Samen betrieben die traditionellen Erwerbszweige (Rentierzucht, Fischfang und Jagd) in dem Gebiet, das ihnen alleine gehörte und für welches sie Landsteuer an den Staat bezahlten. Diese Gebiete, die früher die Samen besaßen, bezeichnet jetzt der finnische Staat als „öffentliches Land", wo alle Einheimischen fischen, jagen und Rentiere züchten dürfen.

Die Geschichte

1251-1550 fassten Norwegen, Russland (Nowgorod) und Schweden Beschlüsse über den Frieden, die Grenzen und die Steuerrechte im Samengebiet. Finnland war zu dieser Zeit noch ein Teil von Schweden und stand unter dem Einfluß der katholischen Kirche, und so gehörte auch Lappland dazu. Schwedisch Lappland erstreckte sich jetzt bis zum Eismeer. Die Skoltsamen auf der Halbinsel Kola fielen unter die Herrschaft Russlands und der orthodoxen Kirche.

Während der Vorherrschaft Schwedens (bis 1808) hatten die Samen als Staatsbürger die gleichen Rechte und Verpflichtungen wie die Bauern. Sie betrieben ihre traditionellen Erwerbszweige innerhalb des Lappengebietes, aber bauten keine Häuser und kultivierten den Boden auch nicht. Die Lappen besaßen ihre Landstücke, wofür sie auch Landsteuer bezahlten. 1602 bekamen die Lappen das Recht, einen Repräsentanten in den Reichstag zu entsenden. Die Lappen unterlagen dem schwedischen Rechtssystem, der schwedischen Verwaltung und Kirche.

1760 wurde das Recht auf einen eigenen Repräsentanten vom Reichstag abgelehnt. Nachdem Russland Finnland besiegt hatte (1808), bestimmten Schweden, Norwegen, Finnland und Russland die Staatsgrenzen in den Lappengebieten, und damit wurden die Rechte der Landbesitzer, der Samen, beschnitten. Heutzutage haben die Samen keine Sonderrechte an Land und Wasser, weil seit 200 Jahren keine Gesetzanträge für die Samenrechte vorliegen.

Die ökonomische Grundlage der Jagdkultur der Samen wurde durch die Vernichtung der wichtigen Wildtiere – der Biber und der wilden Rentiere - zerstört. Als die Zahl des Wildes abnahm, könnten die Samen ihr Land nicht mehr so effektiv wie früher nutzen und dadurch wurden die Landsteuern auch niedriger. Die Landsteuern wurden im Jahre 1924 vollkommen abgeschafft. Gleichzeitig wurden die Samen auch aus dem Landregister entfernt. Ihre Rechte wurden „vergessen", und sie wurden in der Literatur in ähnlicher Weise wie die Urbewohner überall während der Kolonialperiode behandelt.

In die Gebiete, die die Samen „nicht ausnutzten", zogen Siedler ein. Sie bekamen auch bestimmte Rechte am Land und Wasser. Manche Samen bauten Bauernhöfe auf ihrem eigenen Grundstück. Diese Grundstücke und die dazu gehörigen Gewässer wurden vor den 80er Jahren vermessen. Der Staat fing an, das Land außerhalb dieser Bauernhöfe zu kontrollieren und verbot den Samen, das Land auf jegliche traditionelle Weise zu nutzen.

Erwerbszweige

Die traditionellen Erwerbszweige der Samen sind Jagd, Fischfang und Rentierzucht. Jagen ist, wie oben erwähnt, aus geschichtlichen Gründen heute kein eigentlicher Erwerbszweig mehr, obwohl manche Samen das immer noch aktiv ausüben. Jagen und Fischen sind jetzt mehr ein Teil des Fremdenverkehrs, der zu einem wichtigen Erwerbszweig geworden ist. Dazu gehören auch die Handwerke.

Rentiere

Rentiere werden immer noch vielfältig genutzt. Sie dienen als Zugtiere und als Quelle für Fleisch und Milch, ihre Bälge werden für warme Textilien genutzt und die Knochen für verschiedene Gebrauchsgegenstände. Die Rentiere werden das ganze Jahr hindurch gehütet. Die Kälber werden im Sommer markiert und dürfen danach überall frei herumlaufen. Ein Rentierkalb gehört immer der Person, die die Markierung darauf besitzt.

Heutzutage sind auch die Erwerbszweige der Samen denen der Mehrheitsbevölkerung näher gekommen. Es gibt Rentierzüchter, Fischer und Handwerker, aber auch Journalisten, Verkäufer, Lehrer und alle anderen „normalen" Berufe. 

Sprache

Die finnische und samische Sprache haben einen gemeinsamen Sprachstamm, woraus aber bis zum Anfang des Christentums zwei verschiedene Sprachgruppen, die auch verschiedene Gebiete besiedelt hatten, entstanden waren. Zwischen 325 v.Chr. und 1200 n.Chr., als die Samen noch „phinoi" auf Griechisch und „fenni" auf Lateinisch genannt wurden, hat sich auch die samische Sprache in Untergruppen auseinander differenziert. 

Die samische Sprache wird in neun verschiedene Sprachgebiete eingeteilt. In Finnland gibt es etwa 3000 Menschen, die Samisch als Muttersprache sprechen. Die meisten davon sprechen Nordsamisch, das auch im nördlichen Norwegen und in Schweden gesprochen wird. Die Sprache hat einen ausführlichen Wortschatz für die Natur im Norden, den Schnee und die Rentiere.

Die Schulbildung wurde 1751-1946 durch samische Lehrer, die von Dorf zu Dorf reisten, eingeführt. Die Kinder wurden auf Samisch unterrichtet, und dies bildete die Grundlage für die Literatur in samischer Sprache. Dieses "Kataketinstitut" genannte System wurde 1946 wegen des neuen Schulpflichtgesetzes abgeschafft. Die Kinder mussten jetzt oft sehr weit zur Schule fahren und in Internaten wohnen. Sie durften ihre Muttersprache in der Schule gar nicht benutzen und so wurde die samische Sprache negativ bewertet. Diese Bewertung existiert immer noch, obwohl es jetzt auch Schulbildung in samischer Sprache gibt. In den 70er Jahren haben manche Schulen angefangen, Schulbildung auch in samischer Sprache anzubieten und heute gibt es schon viele samische Grundschulen. Dabei stellt der Mangel an samischsprachigem Lehrmaterial noch ein Problem dar. Auch die Möglichkeit, in der samischen Sprache auf Universitätsniveau zu studieren, fehlt noch, aber Samisch kann man als ein einzelnes Studienfach wählen.

Seit 1992 gilt in Finnland auch das Gesetz über die Sprache, das besagt, dass auch die Samen in allen öffentlichen Ämtern in ihrer Muttersprache bedient werden müssen. Wenn die Beamten nicht Samisch sprechen, muss ein Dolmetscher zur Verfügung stehen.

Lappland-Flagge

Gesellschaft

Jedes Samengebiet hat eine bestimmte Volkstracht. Ihre gemeinsame Sprache vereint die Samen trotz ihrer unterschiedlichen Sprachgruppen in Finnland, Schweden, Norwegen und Russland. Die Samen haben eine eigene Flagge wie auch eine eigene Volkshymne, die „Das Lied der Samenfamilie" heißt. Isak Saba schrieb sie im Jahre 1906. Die Hymne endet mit den Worten: „Das Land der Samen den Samen". Das reflektiert das „Nationalgefühl", das die Samen haben.

Für die Verwaltung der Samen ist Sámediggi,(= das Samengericht in samischer Sprache), verantwortlich. Das wird jedes vierte Jahr von ihnen gewählt. Sámediggi wurde gegründet, um die kulturelle Selbstverwaltung der Samen auf Grundlage des finnischen Grundgesetzes zu verwirklichen. Sámediggi gehört nicht zur finnischen Staatsverwaltung. Die Aufgabe des Sámediggi umfasst alle Angelegenheiten der samischen Sprache und Kultur und die Stellung der Samen als Urbevölkerung. Zu diesen Angelegenheiten kann das Sámediggi den Behörden Initiativen und Vorschläge unterbreiten

Samen

Kultur

Für die Samen sind Handwerke nicht nur ein Beruf, sondern ein Teil ihres Lebens. Die Kunst des Handwerkes wurde von den Eltern auf die Kinder übertragen. Die Materialien für ihre Produkte beschaffen die Samen aus der Natur. Rentiere sind immer noch eine bedeutende Materialquelle. Die Samen benutzen harte (Holz, Knochen und Geweih) wie auch weiche (Garn, Leder, Tuch) Materialien. Die Oberfläche wird oft mit schönen Ornamenten verziert. Die traditionellen Farben im Samenhandwerk sind rot, blau, gelb und grün. Das auffallendste Erkennungszeichen der Samen ist die Tracht. Daran erkennt man den Wohnsitz des Trägers. Zur Tracht gehört auch der traditionelle schöne Schmuck.

In der Nordkalotte gibt es nur ein professionelles samisches Theater. Das Beaivvas- Theater gastiert in Norwegen, Schweden und Finnland. Das Theater schafft neue samische Kultur, die neue Aspekte in alter Erzähltradition zusammenbringt.

Der samische Film ist noch eine recht junge Kunstform, obwohl schon am Anfang des 20. Jahrhunderts in Lappland einige Filme, besonders Kurzfilme, gedreht wurden. Diese waren aber größtenteils „Touristenfilme" über Lappland, und die Samen wurden mit den Augen von Außenstehenden betrachtet. 1998 wurde zum ersten Mal in Inari ein Filmfestival organisiert, das die Filme der Urbevölkerungen vorstellte.

Die ersten samischen Schriftsteller haben in der Sprache der Mehrheitsbevölkerung geschrieben, weil Samisch noch verachtet wurde. Die ersten Worte in samischer Sprache hat wahrscheinlich ein englischer Seemann im Jahre 1557 geschrieben. Der erste Same, der in samischer Sprache geschrieben hat, soll Johan Turi gewesen sein. Er publizierte sein Werk Muitalus sámiid birra („Eine Erzählung über die Samen") im Jahre 1910. Die samische Sprache wurde zum Unterrichtsfach in den 60er Jahren. Da fingen auch die Samen an, sich selbst zu behaupten und ihr Recht auf das eigene Land und auf die eigene Sprache zu reklamieren. Dadurch wurde auch die samische Literatur berühmter. Für die samische Literatur ist es schwierig, Aufmerksamkeit zu wecken, weil die Sprache schwierig zu übersetzen ist. Die Literatur wird auch wenig publiziert, weil der Leserkreis gering ist. Nicht alle, insbesondere die älteren Samen, können Samisch schreiben oder lesen, weil sie während der Zeit aufgewachsen sind, als es nicht erwünscht war.

Die samische Musik ist wahrscheinlich die älteste Kulturform der Samen. Sie haben einen besonderen Musikstil, joiku. In diesem lappischen Gesang werden bestimmte Objekte beschrieben und besungen. Während der christlichen Bekehrungszeit wurde dieser Gesang als Sünde bezeichnet. Diese Bezeichnung wirkt auf die Samen immer noch.

 

Religion

Die Samen haben tiefe religiöse Wurzeln. Dazu gehörte das schamanische Weltbild mit verschiedenen Göttern und Geistern. Heute ist die samische Religion nicht sehr weit entfernt von der der Mehrheitsbevölkerung. Die Skoltsamen sind meistens orthodox und andere finnische Samen gehören zur evangelisch-lutherischer Kirche und sind oft noch Laestadianer. Diese sind eine Erweckungsbewegung innerhalb der lutherischen Kirche. Die strengsten Laestadianer finden alles, was als ein Vergnügen zu bezeichnen ist (z.B. Fernsehen, tanzen), sündhaft und verboten. Einige Besonderheiten entstammen noch der uralten Religion, wie dem Glauben an Erdgeister.

Die Samen in Finnland

Die Stellung der Samen in Finnland hat sich im Vergleich zu früher schon sehr gebessert, aber immer noch gibt es Diskriminierung der Urbevölkerung. Es wird viel diskutiert über den Grundbesitz in Lappland und über das Recht zur Nutzung des Landes und Wassers. Viel ist in dieser Hinsicht noch nicht geschehen. Die Sprache hat schon eine bessere Stellung, aber es fehlt noch z.B. an einer samischen Hochschulbildungsmöglichkeit.

Die Samen werden aber in Finnland allgemein als ziemlich gleichwertig behandelt. Als Personen werden sie nicht so diskriminiert wie zum Beispiel die Roma, sondern werden sogar als Urbevölkerung geschätzt und respektiert. Dies liegt vor allem daran, dass die Samen sich eigentlich nicht von der Mehrheitsbevölkerung auffallend unterscheiden. Sie können Finnisch sprechen und kleiden sich oft auch nicht anders. Einerseits sind sie eine Besonderheit Lapplands, die wir sehr schätzen. Als Außenstehende ist es aber natürlich schwierig zu beurteilen, wie sich die Samen überhaupt im Verhältnis zu uns fühlen und welche Schwierigkeiten sie nur deswegen haben, weil sie Samen sind.

 

Die Photo Gallerie